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Freitag, 1. Juni 2012

Der Goldene Schuh

Wäre ich nicht so gut gewesen, gäbe es die Deutsche Demokratische Republik noch immer. Und gäbe es die Deutsche Demokratische Republik noch immer, wäre vielleicht die Sowjetunion nicht in sich zusammengebrochen. Und wäre die Sowjetunion nicht in sich zusammengebrochen, wer weiß, wie wir heute lebten.
Aber ich war so gut, ich habe, von den meisten unbeachtet, Weltgeschichte geschrieben, zum Guten oder zum Schlechten, ich kann es nicht sagen, mir fehlt der Vergleich. Mag sein, dass ich als bescheiden gelte, möglich, dass man eine derartige Vorstellung von mir hat, ich bin es nicht im Mindesten, im Gegenteil, ich bin mir der Tragweite meiner Tat bewusst. Wann immer ich ein Stück jener Mauer, wann immer ich eine Dokumentation über ihren Fall sehe, sehe ich mich aus der Kabine traben und höre die Pfiffe und Schmährufe, die Beleidigungen und Gemeinheiten, das Brüllen, Toben und Keifen, als mein Name durch den Lautsprecher schallt, während ich meine Schultern kreisen lasse.
Sie hassten mich, sie verachteten mich, ihnen trieb es die Zornesröte ins Gesicht, wenn ich bloß erwähnt wurde, mein Anblick verzerrte ihre Züge. Ich sehe mich immer noch an meiner Kette mit dem Kreuz knabbern und den Gummi kauen, als hätte er mich angegriffen, spüre immer noch, wie sich während des Abspielens der Bundeshymne alles in mir zusammenzieht und meine Backenknochen mahlen, ich sehe mich immer noch über das Stadiondach hinaus in den Abendhimmel blicken. Lass mich gut sein, sagte ich, bitte, lass mich so gut sein, wie ich bin.
Ich spielte stets den Bescheidenen, um als der einfache Junge von nebenan zu gelten, als einer von ihnen, einer von uns, kein bisschen anders. Ein Mensch ist ein Mensch, sagen die, die sich keinen Deut um andere scheren; ich wollte als ein solcher Mensch durchgehen und gab immer den, den man sympathisch nennen kann. Aber Sympathie ist keine Kategorie, sympathisch sind die Gewinner diverser Castingshows, der schlechte Durchschnitt, der kleinste gemeinsame Nenner, jenes verheerende Mittelmaß, das niemals übers Mittelmaß hinausragen darf - ja nichts Besseres sein, um Himmels willen nichts Außerordentliches leisten und sich dessen vielleicht auch noch bewusst sein, nichts tun, was gerade als unschicklich gilt, das bringt Sympathie. Sympathie ist die wechselseitige Versicherung der Kleingeister.
Ich wollte Tore schießen
Auf dem Platz war ich nie bescheiden, und auf dem Platz zeigt sich, wie einer wirklich ist, auf dem Platz wird man zur Kenntlichkeit entstellt. Die einen bemühen sich redlich, schuften und rackern, hetzen mit zusammengebissenen Zähnen und zusammengekniffenen Augen über den Rasen, die anderen sehen nur sich, den Blick auf den Boden gerichtet, taub und blind für ihre Mitspieler, Einmannarmeen nach dem selbstausgestellten Marschbefehl. Manche sind dermaßen ehrgeizig, dass es schmerzt, sie in diesem Zustand erleben zu müssen, der Trainer soll sehen, dass sie genau das tun, was er von ihnen verlangt, nach jedem Pass, jeder Grätsche, jedem Einsatz suchen sie seinen Blick, während andere sich kleinmachen, beinahe verschwinden, sich verstecken, wann und wo immer es geht, um sich in den Dienst eines Größeren zu stellen, das einer oder alle sein kann
Ich wollte Tore schießen, mit dem Fuß, dem Kopf, der Brust, der Schulter, meinethalben mit der Hand, gleichwie, hinein damit, über die Linie, mehr als die Hälfte des Ballumfanges, die Hände hochgerissen, die Fäuste geballt, das Trikot ausgezogen und gejubelt. Ich wollte Spiele entscheiden und mich auf den Fotos sehen, ich wollte meinen Namen in und unter den Spielberichten und so viele unterschiedliche Minuten wie möglich zwischen den Klammern dahinter lesen, Marksteine setzen, Tatsachen schaffen, Spuren hinterlassen. Ich wollte der sein, von dem die Mitspieler wissen, dass er auch in der einundneunzigsten Minute treffen kann, ich war der, auf den die anderen hoffen konnten, wenn alles aussichtslos schien. Nicht umsonst gewann ich den Goldenen Schuh, den ein Rumäne kurz für sich reklamieren durfte, nachdem sein Staat alles unternommen hatte, um einen seiner Untertanen zum besten Stürmer Europas zu machen.
Ich habe nie gearbeitet, und dafür hasste man mich, man konnte mir nicht vergeben, was andere sich ständig versagen müssen. Ich habe immer getan, was mir Spaß macht, und damit viel verdient; was ich tat, tat ich leidenschaftlich. Ich bin ein Glückskind, mag sein, auf die Sonnenseite gefallen, vielleicht, aber ich ließ meine Träume niemals fahren, nicht einen Tag lang, ich wollte immer so leben, wie ich lebte. An meinem Lächeln sah man, dass es anders sein kann, mein Gang zeigte andere Möglichkeiten, auch wenn ich schwere Zeiten durchmachte - was ist das gegen einen, der täglich zur selben Zeit früh aufstehen, in ein Büro oder eine Fabrik muss, in einen Umschulungskurs oder auf ein Amt, und doch einmal, irgendwann vielleicht, vor Zeiten, die immer noch seine Träume durchwehen, den Drang nach Freiheit verspürte? Das hat man mir übelgenommen: dass ich nicht auch geschunden und gebrochen und verbogen und in den Dienst einer Sache gestellt wurde, die nichts mit mir zu tun hat.
Ich war an der frischen Luft, ich reiste umher, ich bekam so viele Briefe, dass ich mich vor dem Briefträger schämte, dessen Gehalt man zumindest hätte verdoppeln müssen, ich schoss meine Tore, ich hatte mehr Geld, als ich je zu träumen gewagt hätte, obwohl es mir nicht darum zu tun war. Zwar nahm ich das Geld gern, aber niemals hätte ich mir meine Freiheit nehmen lassen. Ich lebe nur einmal, sagte ich mir.
Arbeiten, sagen sie heute, Trainer und Manager, Funktionäre und Journalisten, arbeiten, arrbeiten, arrrbeiten, selbst ein Großteil der Spieler ist sich nicht zu blöd, das Wort im Mund zu führen; ernste Mienen, vorm Spiegel einstudierte Sätze, ranzige Konserven - nur nichts falsch machen, immer schon im Voraus daran denken, wie es vor dem Fernsehapparat wirken möge, läppische Kostüme, trauriger Fasching. Wir haben hart gearbeitet, wir haben gut gearbeitet, wir müssen weiterarbeiten, wir müssen noch viel mehr arbeiten, wir werden weiter und weiter unermüdlich an uns arbeiten. Taschenspielertricks! Blendung! Kapitulation vor dem gesunden Menschenverstand, der alles andere als gesund ist!
Ich habe nie gearbeitet, und ich bin stolz darauf. Ich wurde von Trainern angebrüllt, wenn mein Sosein sie reizte, Manager sagten mir ihre Meinung, wenn sie ihre Felle den Bach hinunterschwimmen sahen, man pfiff mich aus und schrieb, ich sei ein Prolet, ein Dummkopf, eine faule Sau; auf der Straße rief man mir Unerhörtes hinterher, wenn ich mich umdrehte, sah ich keinen. Aber ich habe nie gearbeitet, darauf bestehe ich, gerade weil ich weiß, was arbeiten heißt und ich mich korrigiere: Ich habe gearbeitet, als Mechanikerlehrling, danach habe ich nie wieder gearbeitet und nie wieder arbeiten wollen. Fußballspielen ist keine Arbeit. Wer es als eine solche sieht, plappert die Gaunersprache nach oder ist als Spieler verloren.
Unlängst, als ich spätnachts nach Hause kam und den Fernsehapparat anknipste, sah ich das Spiel wieder. Siebzehn Minuten waren vergangen, wir führten eins zu null, ich hatte, wie ich in der Einblendung las, in der zweiten Minute ein Tor erzielt, gleich nach dem Anpfiff, vor dem man mich am liebsten vom Rasen getragen, in die Kabine gesperrt oder Schlimmeres mit mir angestellt hätte.
Ich dimmte das Licht, öffnete die Balkontür und legte mich auf die Couch; bisweilen hörte ich Autos auf der Straße vorbeifahren, es nieselte, die Luft frisch, eine Brise aus dem Wienerwald, und während die schwarz-weiß und hellblau-weiß Gekleideten über das Grün liefen, sah ich die zweite Minute vor mir, als ich an der rechten Flanke den Ball bekam und in die Mitte zog; kurz bevor ich am runden Kalkstreifen ankam, der am Sechzehnmeterraum den Laufweg des Tormanns beim Ausschuss begrenzt, nahm ich zwischen zwei Beinen hindurch Maß, flach ins rechte Eck.
Der Rotschopf wartete bereits mit geballten Fäusten auf mich, seine Halsschlagader war so angeschwollen, dass ich mich um sein Herz sorgte, ich umarmte ihn, packte ihn an den Ohren, von hinten und seitwärts kamen die anderen, sprangen mich an, küssten mich auf Kopf und in den Nacken, ich hörte meinen Namen gerufen werden. Ich hörte ihn, aber ich wollte ihn nicht hören, nicht in diesem Moment, nicht aus diesen Mündern.
Ich hatte das Spiel seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen, hatte es immer in mir für mich bewahren wollen, aber als der glatzköpfige Burgenländer im Strafraum fiel, der Gegner hatte ihn nicht einmal angehaucht, aber er fiel gut, knickte ein und rutschte bis über die Torauslinie, setzte ich mich auf und stellte den Ton lauter. Ich sah mich den Ball nehmen, ihn auf den Punkt legen, hörte auf einmal alles leise werden, und mir stockte der Atem, wie er es damals nicht getan hatte. Ich schloss die Augen, als ich Anlauf nahm, mein Herz raste, ich begann zu schwitzen, bitte, murmelte ich, lass mich treffen, lass mich den nicht verhauen, obwohl ich damals nichts davon gedacht hatte; man ist verloren, wenn man bloß daran denkt, danebenschießen zu können. Und Tor, hörte ich, was für ein Tag, was für ein Tag, ich öffnete die Augen und sah mich mehr als zwei Jahrzehnte früher zur Ecke laufen, eine Traube hatte sich um mich gebildet, zweiundzwanzigste Minute, Österreich führt gegen die De De Errr zwei zu null, und der Toni Polster hat endlich das gemacht, was hier die Fußballfreunde gesagt haben, er soll nicht nur in Spanien die Tore schießen, sondern auch für uns. Herrliche Perspektive, wie ein Vogel sah ich mich von oben, langer Anlauf, ein kurzer Verzögerungsschritt vorm Abziehen, linker Fuß, rechtes Eck.
Fußballfreunde
Fußballfreunde. Dreimal wiederholte ich das Wort auf der Couch, immer lauter, immer belustigter, wie lachhaft das in einem Land klang, in dem sich Anhänger nach dem zweiten Tor gegen ihre Mannschaft höhnisch hinter den Gegner stellen und sich über jeden Gegentreffer mehr freuen als über einen Anschlusstreffer. Spanien, ich sah Sevilla wieder vor mir, den Fluss, die Cafés, das Stadion, die Menschen in der heißesten Stadt des Landes, Andalusia with fields full of grain; ich begann leise zu singen, Sonne und Sonne und Sonne, wie geschaffen für mein Gemüt, I have to see you again and again, Lächeln und Lachen fielen mir dort leichter als in Wien, leichter als in Deutschland, es war natürlicher, ich kann es nicht anders sagen, take me, spanish caravan, yes I know you can.
Der einzige Tag, an dem ich in die Arena zum Stierkampf gegangen war, um eine Journalistin zu beeindrucken, tauchte in mir auf, ich sah mich ein paar halbseidene Scherze ausprobieren, sie mit dem Schrecklichen unter uns necken, ehe mir schlecht wurde und ich kein Wort mehr über die Lippen brachte, als in unserem Strafraum Elfmeter gepfiffen wurde. Diesmal ließ ich die Augen offen, sah unseren Tormann nach rechts fliegen und den Ball abwehren; ich liebte ihn in diesem Moment wie niemanden sonst, jenen Menschen, der später für die Freiheitlichen im Parlament sitzen wollte.
Was habe ich mich geschämt für ihn! Will da inmitten der verkommenen Brut sitzen, die gerade bis zu den Grenzen Österreichs blicken kann, den abgeschmacktesten Reden applaudieren und die dünnen Lippen schürzen. Er sprach immer gut, ihn hat man nie einen Proleten genannt, das sei einer, sagte man, der etwas im Kopf habe. Etwas vielleicht, aber was? Wie konnte der eine der andere sein? Wahrscheinlich hatte er die Bundeshymne zu oft zu ernsthaft mitgesungen.
Ich war nicht ganz nüchtern an diesem Abend, in der Pause holte ich eine Flasche Bier, aber es gab keine Pause, nicht bei einer Wiederholung, und auf meiner Couch sah ich alles noch einmal und anders, als ich es in mir trage. Wer mochte um diese Zeit dieses Spiel sehen? Arbeitslose? Studenten? Freiberufler? Disziplinlose Sportler? Verwahrloste Junggesellen? Und weil es mir nie genügte, nur ein Tor zu treffen, weil ich keinem meine Gunst verwehren wollte, schlenzte ich in der dreiundsechzigsten Minute den Ball von halblinks am Tormann vorbei ins rechte Eck, nicht das schönste Tor vielleicht, aber eines, wie es nur die schießen, die unbedingt treffen wollen.
Auf einmal brüllten alle meinen Namen, als wollten sie mich adoptieren, fünfundfünfzigtausend Menschen, die ihn bei Verlesung der Aufstellung nicht skandiert, sondern unter Pfiffen zu begraben versucht hatten, fünfundfünzigtausend jubelten mir zu, als streiften sie die Torprämie ein - abgesehen von den viertausend Ostdeutschen, die in Bussen, Zügen, Trabants und Wartburgs in den Prater gekommen waren und sich gewundert hatten, in Wien kein Begrüßungsgeld zu erhalten. Zum ersten Mal hatten sie ohne Beschränkungen ihren Staat verlassen dürfen, unter der Hand verhandelten die Spieler längst mit westdeutschen Clubs, aber dass sie gegen elf Österreicher verloren, war der Sargnagel, der Todesstoß, das Fanal. Die Mauer war keine Woche zuvor gefallen, der Staat stand noch, aber jetzt, am Abend des fünfzehnten November, war er heillos verloren.
Und jetzt jubelten alle mir zu? Dem, dem sie am liebsten ein Einreiseverbot erteilt hätten, zumindest für jene Tage, an denen die Nationalmannschaft spielt? Córdoba, sagt man in dem Land, das mich erst liebte, als es mich für sich reklamieren konnte, und schnalzt ahnungsvoll mit der Zunge. Aber das ist nichts, ein unwichtiges Spiel, das ein Minderwertigkeitsgefühl besänftigen will. Was ist ein Sieg gegen die BRD, der Österreich nicht im Turnier halten konnte, gegen den Abschuss eines Staates? Wer wollte in einem Staat leben, der nach 90 Minuten Österreich unterliegt?
Während die viertausend überlegten, ob sie überhaupt zurück nach Berlin, Dresden oder Leipzig reisen sollten, ob sie sich nach dieser Schande jemals wieder in Rostock, Karl-Marx-Stadt oder Frankfurt an der Oder blicken lassen könnten, sah ich die einundfünfzigtausend auf der Tribüne Richtung Abgang stürmen, eine Lawine, eine Menschenmasse, eine Körperwalze, die so nah wie möglich ans Spielfeld wollte, um wieder und wieder meinen, den vor dreiundsechzig Minuten gehassten Namen zu brüllen. Ich zeigte ihnen, was ich darüber dachte, kurz, aber bestimmt.
Verzweifelt an euren Leben und beneidet mich um meines, hatte ich ein ums andere Mal gedacht, in euren Köpfen trefft ihr jedes Tor, in der Volltrunkenheit wisst ihr, wie jedes Spiel zu gewinnen sei, vorm Würstelstand tüftelt ihr die Taktik aus. Auch wenn ich mir einbläute, wann immer ich die Gemeinheiten sah oder hörte, es könnte mir egal sein, immerhin hätte ich erreicht, was ich erreichen wollte, meine kleine Freiheit, die im Vergleich zu anderen riesig war, musste ich mir eingestehen, dass ich ein Dünnhäuter war, der nicht so leicht abschütteln konnte, nicht nur nicht geliebt, sondern gehasst zu werden. Was kann ich dafür, dachte ich, wenn ich bescheiden lächelte, dass ihr mit fetten Bäuchen und einer Bierflasche nach der nächsten vor dem Fernseher sitzt und nie so leben wolltet?
Was kann ich dafür, dass ihr einmal, nur einmal, auf der Stelle mit mir tauschen und jederzeit in mich schlüpfen würdet? Ich zu langsam? Ihr keucht schon auf der dritten Stufe im Stiegenhaus. Ich zu dumm? Ihr lauft jedem Rattenfänger hinterher. Ich zu faul? Ihr habt noch nie einen Schritt gewagt, der euch in der Versenkung hätte verschwinden lassen können, zumindest nicht bewusst. Ich habe ein schönes Leben, ich bin Gott, meiner Mutter, meinethalben auch meinem Vater, ich bin mir, dem Glück, dem Zufall, wem auch immer, ich bin dankbar, der zu sein, der ich bin. Ich liebe das Leben, das ich lebe. Ich bezweifle, dass ihr das behaupten könnt.
Die sogenannten Pfeifkonzerte! Die Schneckenkommentare! Die Witze, ich sei vom Tierschutzverein angezeigt worden, weil ich 90 Minuten auf einem Regenwurm gestanden sei! Die Karikaturen und Verballhornungen! Die letztklassigen Kabarettisten, die auf meine Kosten Aufmerksamkeit erheischen wollten! Scheiß drauf, versuchte ich mir einzureden, besser gehasst als unbeachtet.
Aber ich wollte mir keine Elefantenhaut zulegen. Ich wollte nicht gepanzert durchs Leben gehen. Ich wollte nicht sagen: Beim einen Ohr rein, beim anderen raus, weil mein Gehirn und die Verbindungen dazwischen waren, die man einmal - ich immer noch - Seele nannte. Und dann wurde abgepfiffen, zeitgleich hatte die Sowjetunion unsere Rivalen aus der Türkei geschlagen, in ein paar Monaten würden wir zur Weltmeisterschaft nach Italien reisen, wo ich meinen Weg in die größere Welt begonnen und die Hälfte meines Einkommens für Ferngespräche nach Wien ausgegeben hatte.
Auf meiner Couch hörte ich die Stimme des Kommentators brechen, er kämpfte gegen die Tränen an, wies darauf hin, dass auch der vermeintlich Abgebrühte nicht ohne weiteres über dieses Ereignis sprechen könne, und während meine Mitspieler eine Runde durch das Stadion drehten, sich bei den Zusehern bedankten und sich feiern ließen, verschwand ich in die Kabine. Es gab keine Mobiltelefone, ich konnte weder meine Mutter noch meine Freundin anrufen, ich stellte mich unter die Dusche.
Wäre ich nicht so gut gewesen, wäre ich vielleicht nie wieder für Österreich aufgelaufen, selbst der Trainer hatte sich von der Treibjagd gegen mich beirren lassen und mich einige Male auf die Bank gesetzt, was mich heute noch die Augen niederschlagen lässt. Seither stelle ich mir die Hölle als Ersatzbank vor: Während alle anderen tätig sind und etwas wollen dürfen, ist man zum tatenlosen Zusehen verdammt, die anderen sehen, dass man nur zusehen darf und nehmen an, auch wenn sie es besser wissen müssten, man sei zum Mitmischen nicht gut genug. Man ist nicht auf der Rechnung, man spielt keine Rolle, vielleicht werden einem ein paar Minuten gegönnt, vielleicht beginnt man sogar ein wenig zu schwitzen. Die Hölle, das sind die anderen, die einen auf der Bank sitzen sehen.
Im Ohr hatte ich Jubel und Verwünschungen, in der Nase die Kälte eines lang vergangenen Novemberabends, als ich das Wasser wärmer stellte. In mir toste und tobte etwas, das ich lange zu verstecken versucht hatte. Ich putzte die Zähne, um den Biergeschmack loszuwerden, mein Haar fühlte sich anders an, mein Körper hatte sich verändert, ich begann zu pfeifen, um auf andere Gedanken zu kommen. Wer von euch, murmelte ich, die mir heute noch für damals auf die Schultern klopfen, hat mich vor den drei Toren nicht zum Teufel gewünscht? Von heute auf morgen alles anders? Das gab es in diesem Land schon einmal.
Das Wasser prasselte auf mich nieder, ich stellte es noch wärmer und seifte mich ein. Ich spielte Fußball, und ich wusste vom Leben außerdem nicht viel, ich lebte, weil ich leben musste, vom Fußballspiel fürs Fußballspiel. Woher kam das auf einmal? Ich spielte Fußball wie kein zweiter, ich stak voll Witz und Fantasie, ich spielte lässig, leicht und heiter, ich spielte stets, ich kämpfte nie. Ich sang die Zeilen vor mich hin, zwischendurch pfiff ich, ich hatte der Welt ein Schnippchen geschlagen.
Was stand für meinesgleichen schon auf dem Programm? Ein Leben in einer Arbeit, deren Sinnhaftigkeit man sich wie einem kranken Ross einreden muss, wenn es gutgeht, um Almosen betteln und auf Ämtern anstehen, wenn nicht. Ich bin kein Repräsentant von irgendetwas, kein leuchtendes Beispiel, kein Beweis für irgendwelche Chancen; selbst wenn man Talent, Ehrgeiz und Hartnäckigkeit anführte, bleibt ein unauslöschlicher Rest Glück. Ich bin einer aus einer Million.
Ein paar Tage zuvor hatte ich gelesen, nach Politikern seien Fußballer die unbeliebtesten Menschen, dicht gefolgt von Autoverkäufern. Um alle darum kreisenden Streitgespräche in meinem Kopf abzustellen, stieg ich aus der Dusche, band mir ein Handtuch um und buchte einen Flug an die Sonnenküste, nicht zu weit von Sevilla entfernt. Auch wenn der halbstarke Amerikaner, der weder schauspielern noch singen, aber mit beidem Erfolg haben konnte, mit seinem Lied die Mauer zu Fall gebracht zu haben meint - indem ich der Deutschen Demokratischen Republik den Garaus machte, rettete ich den Kommunismus. Ganz unbescheiden: Ich war sehr gut.
Clemens Berger, geb. 1979, studierte Philosophie in Wien, wo er als freier Schriftsteller lebt. Zuletzt erschien der Roman "Das Streichelinstitut", und sein Stück "Engel der Armen" wurde am Staatstheater Darmstadt aufgeführt.



Quelle: Der Standard von Samstag, 26. Mai 2012; Album, Seite 1

Mittwoch, 25. Januar 2012

Kleine Helden, Große Mythen

Die Sonne stand zum Anpfiff tief. Dennoch rannen den meisten Spielern bereits beim Betreten des trockenen Spielfeldes salzige Tropfen die Stirn hinab. Österreich gegen Italien. Die Azzurri kürten sich erst wenige Monate zuvor in Berlin zum Weltmeister. Frisch gebacken also. Das Selbstvertrauen konnte man in ihren dunklen Augen sehen. Nicht nur auf Grund des Titelgewinns. Historisch. Wir waren ja nur Österreicher. Sie Italiener. Und überhaupt. Schnell lagen die Südländer mit zwei Toren voran. Das vorwiegend italienische Publikum entzückt. Das übliche Spiel bahnte sich an. Österreich war völlig von der Rolle, unorganisiert, die meisten von uns technisch unterlegen. Mit dem Rückstand schien auch die Hoffnung zu schwinden. Unsere Mannschaft ging aber ein hohes Tempo, die Azzurri boten uns Paroli. Jeden Treffer den wir markierten, konterten die Italiener mit einem weiteren, sodass der Rückstand nicht und nicht schmelzen wollte. Flüche waren zu hören. „Wappler!“ Das Spiel wurde ruppiger. Eingeschüchtert durch die unerwartet forsche Spielweise der Österreicher, fühlte sich die Squadra sichtlich unwohl. „Cazzo!“. Hektisch dirigierte ihr lang gewachsener Abwehrchef, „Sinistra! SINISTRA!“. Mit brachialer Gewalt aber, drosch unser Stürmer gegen die Lederkugel, welche aus kurzer Distanz im Netz der Azzurrini wie eine Bombe einschlug. Ausgleich. Die Italiener, so schien es, warfen nun im Eifer des Gefechts die Nerven weg. Auch ihre Spielweise wurde nun aggressiver, schmutziger. Ein ums andere Mal flog ihr leichtfüßiger Zehner zu Boden. Der Schiedsrichter in Dauerbeschuss italienischer Beschwerden aber zu eingeschüchtert, um den unsauberen Methoden der Azzurri Einhalt zu gebieten. Unser tapferer Schlussmann aber hielt bravourös. „Merda!“ Die Verzweiflung der Azzurrini in Anbetracht des Ergebnisses war förmlich zu spüren. Peinlich eine mögliche Schmach gegen das kleine Österreich. Und nicht mehr lange zu spielen. Die Österreicher zollten nun dem hohen Tempo oder den heißen Temperaturen oder beidem Tribut. Die Konzentration schwand. Die Squadra, angepeitscht von einem kreischenden Publikum. Die Österreicher, aber den Hauch einer möglichen Sensation witternd und mit dem schieren Mut der Hoffnung. Ein langer Ball, geschlagen von unserem robusten Abwehrspieler, an die linke Flanke kann vom Außenläufer, mir, noch vor dem Aus gerettet werden. Die Azzurrini aber, wollen um jeden Preis die Kugel und doppeln mich forsch. Mit der Schulter kann ich mir den einen Angreifer vom Leib halten, spitzle die Haut am zweiten vorbei und dringe festen Schrittes in den Strafraum. In dem Moment als der italienische Torhüter wie eine Bestie auf den Ball und mich zustürzt, drücke ich mit meinem linken Fuß erbarmungslos ab. Zoffs Erben bleibt keine Chance. Das Leder schlägt wie eine Kanonenkugel im laschen Netz ein. Sechs zu Fünf für Österreich. Die Italiener, bestürzt über das Ergebnis, weisen sich wild gestikulierend und temperamentvoll fluchend Beschuldigungen am Untergang zu. Wenige Momente später beendet der tunesische Schiedsrichter die Begegnung. Noch Minuten nach dem Abpfiff genieße ich das Gefühl, den Weltmeister besiegt zu haben. Die meisten der Spieler aber interessiert das nicht mehr die Bohne. Sie springen, lechzend nach Abkühlung, in den blau schimmernden Pool oder werden von ihren Eltern abgeholt, um sich für das Abenddinner frisch zu machen.

Mittwoch, 30. November 2011

Unsere Lorbeeren?

Da gab es vor ein paar Wochen medial bundesweit den Konsens, dass es mit unserem Fußball wieder bergauf gehe. Dank eines Schweizers, der mit zwanzig Österreichern ein paar Tage trainiert hatte. Zugegeben, die Leistung in Lviv war für eine österreichische Equipe ungewohnt, im positiven Sinne. Zudem scheint im Team eine regelrechte Legionärsflut einzusetzen, stand mit Franz Schiemer nur ein einziger Bundesligaakteur auf dem Rasen - und war darüber hinaus schwächster Mann am Platz. Dies veranlasste den TV-Sender Sky, Tage später zu der selbstbeweihräuchernden Diskussion, wie gut der österreichische Fußballnachwuchs nicht sei. Auch hier muss man zugeben, dass bis zu einer gewissen Alterstufe tatsächlich gute Arbeit geleistet wurde und wird. Was an diversen Ergebnissen bei Unter-Auswahl-Endrunden im vergangenen Jahrzehnt tatsächlich belegbar ist. Gestreute Rosen sollten jedoch mit Vorsicht genossen und nicht unbedacht vom Boden aufgeglaubt werden. Sonst verletzt man sich an den Dornen. Mit reichlich Bedacht sollte daran erinnert werden, dass zwar die meisten ihre ersten Sporen in der Alpenliga verdienen, viele aber auch schon mit einer noch unterentwickelten Reputation und dem blanken Ruf des Talents, oder oft sogar nur als junger, frischer Hüpfer in den großen, kalten Teich „Internationaler Fußball“ springen. So wurde Emanuel Pogatetz zwar bei Sturm Graz ausgebildet, kämpfte sich aber erst via Leverkusen und Aarau in die heimische Bundesliga - und später nach Moskau, Middlesbrough und Hannover. David Alaba und Marco Arnautovic wechselten sogar noch vor ihrer Vollmündigkeit ins Ausland, wo sie ihren entscheidenden Feinschliff zum Profitum erhielten. Julian Baumgartlinger stand gar erst am Beginn seiner Pubertät als er zu den Münchner Löwen transferierte. Und Martin Harnik kennt österreichische Vereine überhaupt nur vom Hörensagen. Die mittelfristige Zukunft wird nicht anders aussehen. Zahlreiche Spieler wie Prosenik, Holzhauser, Vastic oder Weimann wechselten in einem Alter, indem die technische Ausbildung so gut wie abgeschlossen ist - was wiederum für hiesiges Ausbildungssystem spricht. Und was wir, noch einmal, durch die Leistungen unserer Unter-Auswahlen zum Teil eh schon wissen. Der Sprung zu den Profis gelingt von den Jungnationalspielern jedoch den wenigsten. Im Alter zwischen 17 und 20 stagniert die Weiterentwicklung massiv, was - für mich - auf mäßige körperliche Attribute und fehlende taktische Intelligenz zurückzuführen ist. Und bei einigen Talenten auch sicherlich der mentale Druck; die psychologische Betreuung von Fußballern ist ein in Österreich aber nach wie vor milde belächeltes Thema. Dass der Schritt ins Ausland nicht zwangweise der richtige ist, dafür gibt es genauso zahlreiche Beispiele wie die Herren Elsneg und Krenn, die aber wenigstens wieder in Österreich Fuß fassen konnten. Ganz im Gegenteil zu ihrem Kollegen Mario Lösch, der mittlerweile den Pride Park von Derby gegen das Ritzinger Sonnenseestadion tauschte. Sicherlich bleibt der Schritt ins Ausland - vor allem in solch jungen Jahren - eine Entscheidung in eine nicht ganz gewisse Zukunft. Ausnahmen aber bestätigen die Regeln. Und der Großteil landet im schlechtesten Fall in der heimischen Bundesliga.

Sonntag, 20. November 2011

Change? Yes, we can!

Im Gefrierschrank von Lemberg sollte Marcel Koller seine Premierenvorstellung als österreichischer Teamchef geben. Personelle Überraschungen sollte es dabei keine großartigen geben. Die Nominierungen von Willi Kavlak, Zlatko Januzovic und Sebastian Brödl sorgten für kurzzeitige Irritation, waren aber lediglich peinliche Faux-pas’ des Staatsfernsehens. Die Nominierung beider Torhüter der Wiener Austria, Heinz Lindner und Pascal Grünwald, stellte ein kurioses Novum der jüngeren Zeit dar. Und ausgerechnet der Düsseldorfer Reservist Robert Almer (zuvor ebenfalls am Verteilerkreis arbeitend) schnappte den beiden Veilchen dann doch das Einserleiberl vor der Nase weg. Neben Lindner hätten weiters die Austrianer Mader und Margreitter ihr Debüt im Nationaltrikot feiern können, wurden jedoch wie sämtliche Austrianer - sieben an der Zahl - nicht eingesetzt.

Die Startaufstellung zeigte bis auf das Debüt Almers keine großen Veränderungen zur Constantinischen Ära. An den Flügeln agierten Ivanschitz, links, und Harnik, rechts. Im defensiven Zentrum machten Baumgartlinger und Alaba die Räume eng, wobei sich der Legionär von Bayern München immer wieder in die Offensive einschaltete. Arnautovic agierte als Bindeglied zwischen Mittelfeld und der Solospitze Janko, konnte sich durch seine technischen Fertigkeiten jedoch nur selten in Szene setzen. Lediglich die Besetzung der Rechtsverteidigerposition durch Franz Schiemer sollte sich im Spielverlauf als wenig vorteilhaft erweisen.

Die ersten Minuten zeigten allerdings, dass die taktischen Vorgaben eine Hundertachzig-Grad-Wendung zu Kollers Vorgänger bedeuteten. Prompt nach Anpfiff attackierte die österreichische Elf die Hausherren in deren eigener Hälfte und ließ während des gesamten ersten Durchganges so gut wie keinen ertragreichen Spielaufbau zu. Die Mannschaft von Oleg Blochin wurde so am eigenen Strafraum regelrecht eingeschnürt, was wiederum spätestens an der Mittellinie einen oftmaligen Ballverlust für die Ukrainer bedeutete. Neben dem knappen Raum, war für die ukrainischen Akteure auch die wenige Zeit zur Ballverarbeitung ein großes Problem, dass die Österreicher durch forsches Doppeln gegen den Ballführenden ebenfalls provozierten.

Im Ballbesitz war am augenscheinlichsten das linkslastige Offensivspiel der österreichischen Mannschaft. Ein Hauptgrund dafür war Franz Schiemer auf der rechten Seite, der nur für wenige Akzente im Angriffsspiel sorgte. Ganz im Gegensatz zum Schalker Christian Fuchs, der mittlerweile einen modernen Außenverteidiger mimt. Auf Grund des oftmals beackerten linken Flügels musste der Stuttgarter Harnik zudem oft ins Zentrum verschieben um dort für Überzahl zu sorgen. Was schließlich dem ukrainischen Offensivspiel zu Gute kam. Nur Tage zuvor bewiesen Blochins flinke Konterspieler auch gegen ein schwächelndes Deutschland mithalten zu können. Durch zügige Spielverlagerung hatten die ukrainischen Konterspezialisten, mit Ausnahme eines überfordert wirkenden Schiemers und eines zurückhechelnden Harniks, oftmals den gesamten, aus österreichischer Sicht, rechten Flügel für sich.

Von dieser Seite sollte schließlich auch das aus heiterem Himmel fallende Führungstor für die Gastgeber entstehen. Wobei Schiemer mit zwei Gegenspielern auf verlorenem Posten stand, weil die Deutschlandlegionäre Prödl, Harnik und Baumgartlinger viel zu spät gegen den Ball antizipierten. Zudem ließ sich Innenverteidiger Pogatetz vom späteren Torschützen Milevsky durch eine Körpertäuschung fintieren, sodass der Stürmer von Dynamo Kiew schließlich sträflich allein im Torraum zum Abschluss kommt.

Nach dem Gegentreffer blieb Österreich aber die tonangebende Mannschaft und spielte weiter wacker nach vorne. Die drückende Überlegenheit wurde aber nur selten in gefährliche Torchancen umgemünzt. Auffällig war, das Janko an der Strafraumgrenze und mit dem Rücken zum Tor mehrmals als Prellbock für seine Rückraumspieler Arnautovic, Alaba und Harnik fungierte.

Im zweiten Durchgang ließ die Offensivpower der österreichischen Mannschaft etwas nach, sodass sich die Ukrainer aus ihrer Umklammerung lösen konnten. Wohl auch, weil ein solch aggressives Forechecking, wie es die österreichische Elf praktizierte, extrem an den Kräften zehrt, nicht nur auf Grund einer höheren Laufleistung, sondern auch wegen der erhöhten Konzentration, welche das Spiel auf einem höheren taktischen Niveau fordert und für unsere Nationalmannschaft - noch - eine ungewohnte Spielweise darstellt. Dass Koller im Laufe des Spiels mit Veli Kavlak für Martin Harnik lediglich einen Spieler wechselte, begründete der Zürcher damit, dass er seine Spieler in unterschiedlichen Spielszenarien beobachten wollte.

Der zweite Gegentreffer, trotz Überzahl, lässt sich sicherlich auch auf die abfallende Konzentrationskurve zurückführen. Baumgartlingers Ballverlust im Spielaufbau darf so nicht passieren, zumal in der näheren Umgebung die österreichischen Spieler sogar Vier gegen drei in Überzahl sind. Dass in der Folge die defensive Grundordnung überhaupt nicht den vorgegebenen Schemata entspricht, ist eine logische Konsequenz. Dass Christian Fuchs auf seiner Position links hinten nicht mehr zu finden war, sondern sich bereits in das Angriffsspiel eingeschaltet hatte, spricht eigentlich sogar für den Schalker. Eben diese paar Meter haben ihm im entscheidenden Zweikampf gefehlt und den Ukrainern den Platz zur Torvorbereitung gegeben. Mit einer weiteren Körpertäuschung ließ diesmal Devic Pogatetz aussteigen, wobei auch erwähnt werden muss, dass der Angreifer in solchen Situationen den Vorteil des Momentums für sich genießt und solch Aktionen nur schwer zu verteidigen sind.

Unterm Strich war eine konkrete Leistungssteigerung im Vergleich zu den letzten Paarungen zu erkennen. Besonders das unkonventionelle Pressing imponierte sehr und war ein erfrischender Anblick, zumal es doch sehr ungewöhnlich ist, eine, ausgerechnet, österreichische Equipe eine solche Spielweise an den Tag legen zu sehen. Die Kaltschnäuzigkeit im Abschluss wurde Tags darauf in den heimischen Gazzetten bekrittelt. Ich denke allerdings, dass diese einkehren wird, wenn sich das Team auf Kollers taktische Vorgaben eingestellt und diese automatisiert hat. Lediglich im Abwehrverbund offenbarten sich nach wie vor gröbere Schwächen. Weniger beim Debütanten Almer, der bei seinem „Ersten Mal“ seinen Mann stand. Und auch weniger auf der linken Seite, wo Christian Fuchs beherzt nach vorne agierte, sich defensiv phasenweise nicht ganz makellos präsentierte, im Grunde jedoch den positivsten Eindruck erweckte. Sein Pendant auf der rechten Abwehrseite hat mit der Leistung vom vergangenen Dienstag keine Zukunft im A-Team. Massig Alternativen hat Koller jedoch nicht. Der Austrianer Klein wünscht sich zwar einen Auslandtransfer, hat auf internationalem Parkett aber eher schlechte Karten. Ekrem Dag kommt bei Besiktas auf zu geringe Einsatzzeiten als das er eine rechtfertigbare Wahl wäre. Bliebe eigentlich nur noch György Garics, der erst vor kurzem nach einer langen Verletzungspause in die Abwehr Bolognas zurückkehrte. Abwarten wie die weiteren Wochen bis zur nächsten Kaderbekanntgabe für den unter Constantini Ausgebooteten verlaufen. Und zentral? Da stellt das Duo Prödl-Pogatetz nicht gerade das trickreichste der Fußballgeschichte dar. Stehen jedoch mit dem Basler Dragovic und dem Austrianer Ortlechner zwei souveräne back-ups zur Verfügung. Und erst gestern warf Markus Berger, Kapitän bei Academica Coimbra, den FC Porto aus dem portugiesischen Cupbewerb. Vielleicht also eine weitere Alternative für Marcel Koller. Berger spielt übrigens bereits seine fünfte Saison gegen Sporting, Benfica und den FC Porto.

Montag, 14. November 2011

Die Sachlichkeit des Österreichers

Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt. Für das ballestrische Stimmungsbarometer der Österreicher ist dies eine typische Euphorie-Hysterie-Kurve, welche binnen weniger Tage hin und her pendelt wie tausende Niederösterreicher jeden morgen nach Wien und wieder retour. Genau in diesen Stunden werden dank des Boulevard Millionen von Meinungen „gebildet“. Gratis Bildungszugang für alle! Anfängliche Skeptiker, selbst Peter Linden(!), wurden von der positiven Glückswelle um Marcel Koller überschwappt und drehten, wie ein Fähnlein im Wind, binnen weniger Wochen ihre Skepsis in anhaltenden bis tobende Euphorie, abhängig nach Medium. Und das obwohl der Zürcher noch kein einziges Spiel auf der Betreuerbank absolvierte. Die Messlatte für den Schweizer liegt nach Constantini und Brückner nicht gerade hoch. Und so reicht der profifußballfernen Gesellschaft branchenübliche Dienstreisen für Gespräche und Beobachtungen zum Ritterschlag. Dass mit Fritz Schmid ein Studierter am Bankerl sitzt, freut den Boulevard, komischerweise, auch. Ob das den Verkaufszahlen gut tut? Als „Spaziergänger“ oder „Trottel“ wird seitens des Öfb so schnell wohl keiner mehr benannt werden.

Zugegeben, auch ich bin ein Befürworter des Marcel Koller. Die ersten Eindrücke seiner Ägide waren durchwegs positiverer Natur. Dass der Schweizer aber bis dato für das internationale Geschäft innovative Maßnahmen präsentierte, ist jedoch auch nicht der Fall. Eher wird Versäumtes nachgeholt. Das ist natürlich Grund zur Hoffnung. Aber nicht für überschwängliche Euphorie. Dass er kein „Wunderwuzzi“ sei, hat er bereits mehrmals selbst betont. Die Erwartungen der Bevölkerung jedoch steigen durch überschwänglich positive Berichterstattung immer weiter. Und erreicht bald wieder jene Sphären, die den Teamchefs seit Prohaska die Luft zu atmen raubte. Bleibt eigentlich nur abzuwarten wie die Schlagzeilen von Mittwoch lauten werden. Dass Marcel Koller nämlich fallen gelassen wird wie ein heißer Erdapfel, oder ausgespuckt wie heiße Rösti, kann ihm leicht passieren.

Mittwoch, 5. Oktober 2011

(Team)chefsache

Die Roulette blieb gestern Mittag, eigentlich eh schon vorgestern, stehen. Und die Kugel fiel auf Marcel Koller. Im Casino würde das etwa der Null entsprechen. Niemand rechnet damit, die Wahrscheinlichkeit ist aber genau dieselbe wie bei jeder anderen Zahl, oder eben Trainerkandidaten. Okay, es gab schon Favoriten und Außenseiter auf den Posten, der Schweizer Koller, zählte eher zu zweiteren. Wenn überhaupt. Und irgendwie werde ich den Verdacht nicht los, dass der Boulevard, im Speziellen der kleinformatige, schon jetzt negative Zeilen über den Außenseiter schreibt, nur weil dieser durch den für Österreichische Teamchefs ungewohnten Lebenslauf - Josef Hickersbergers Tausend und eine Nacht mal außen vor gelassen - irritiert ist, ähnlich wie das Grün der Null beim Roulette für Irritation sorgen soll, um bei der selben Metapher zu bleiben. Das Koller diese Null nicht sein wird, bleibt auch mir natürlich nur zu hoffen, dem Anschein nach, so vermittelt die Journaille, startet Koller aber mit einem 0:2-Rückstand.

Dabei wird natürlich einmal mehr dem Herzerl nachgetrauert, der bereits zum dritten Mal übergangen wurde. Wohl mangels Erfahrung. Zu Recht. Auch die populistischste Lösung, einfach den Meistertrainer Franco Foda zu installieren, ging in die Hose. Der hatte wohl keinen Bock seinen Stab nicht selbstständig aussuchen zu dürfen. Auch verständlich. Kurt Jara? Kollers zweijährige Arbeitslosigkeit wird bekrittelt. Über Jaras fünfjähriges Intermezzo hinweggesehen. Paul Gludovatz wäre im österreichischen Pool noch die annehmbarste Wahl gewesen. Als Fan der Öfb-Riege zählt der Burgendländer aber nicht unbedingt. Weitere nationale Kandidaten wären die 96er-Helden von Rapid gewesen: Schöttel, Stöger, Kühbauer. Nicht minder erfahren als Herzog, mangels Lobby aber wohl keine ernst zunehmenden Alternativen. International gesehen, wäre Lars Lagerbäck kein schlechter Griff gewesen. Besonders als Teamchef hätte er massig Erfahrung mitgebracht. Zehn Jahre Schweden, mit Nigeria eine Weltmeisterschaft. Von seiner eigenen Fadesse überzeugt, wäre der Schwede mangels Constantinischem Schmähs aber kein Toller für unseren Boulevard. Christoph Daum als Fachmann sicherlich anerkannt, hatte in den letzten Jahren in Köln, Istanbul und Frankfurt zwar auch nur mäßigen Erfolg, wäre für den österreichischen Fußball aber sicherlich kein Schritt in die falsche Richtung gewesen. Mit Otto Rehagel wäre eventuell der Europameistertitel drin. Im Nachwuchs müsste aber zuerst wieder das Liberospiel gelehrt und Bürschchen unter ein Meter neunzig aussortiert, Wien darf ja nicht Barcelona werden. Marco Pezzaiuolis Namen wurde anfangs wenige Male genannt. Der Konzepttrainer war Windtner und Co. wohl doch zu heiß, weil zu unverbraucht. Und als in Deutschland der Name Matthias Sammer mit dem Öfb in Verbindung gebracht wurde, sorgte dies nur für müde Schmunzler. Die zuletzt spekulierten und üblichen Kandidaten wären dann auch schon genannt. Vielleicht noch Huub Stevens, um den es aber auch schon zu spät war. Loddar Matthäus hätte den Job garantiert gemacht. Manfred Zsak bestimmt. Andi Ogris eventuell. Heli Kraft war bis vor kurzem auch noch frei. Den boulevardschen Vorwürfen zum Trotz müssten dies alles idealere Trainer als Koller sein. Weil Koller ja eben bei Null anfängt. Nett, dass solch eine Besorgnis gezeigt wird, ob der Neo-Teamchef in unserer spielerisch hochwertigen, strukturstarken Fußballlandschaft den Durchblick bis zum Start der WM-Qualifikation in einem Jahr finden wird. Doch schon jetzt wird ihm die Sicht mangels ausreichender Haberie verdeckt.

Dienstag, 6. September 2011

Wer ist ein Trottel?

Als „aufgescheuchter Hendlhaufen“ bezeichnete Kapitän Christian Fuchs die Leistung der österreichischen Nationalmannschaft nach dem 2:6 von Gelsenkirchen. Ehrlich genug sollte allerdings trotz aller Gegentreffer festgehalten werden: Was hat man sich großartig erwartet? Die Deutschen spielen eine ebenso souveräne Qualifikation wie Vizeweltmeister Niederlande und Weltmeister Spanien. Dass in den neunzig Minuten wieder einmal das taktische Konzept Fehler erwies, war bereits an der Formation vor Anpfiff erkennbar. Mit einer schüchternen Solospitze namens Arnautovic zu beginnen, zeigt nicht von Bemühungen den Gegner früh unter Druck zu setzen, obwohl die deutsche Hintermannschaft sich mehrmals nicht anders helfen zu wusste als den Ball an Schlussmann Neuer zu retournieren. Die Mittelfeldspieler Harnik, Royer und Alaba drückten dennoch. Nachgerückt ist von den Hinterleuten dann wieder kaum jemand. Zudem der gerade erst genese Schiemer als Innenverteidiger gegen den trotz seines Alters spritzigen Klose, auch diese Entscheidung ist - freundlich formuliert - nicht gerade glücklich. Dass sich zu alledem noch inkonsequentes Zweikampfverhalten paarte, machte den Schlamassel auf Schalke perfekt.

Mit einem 3:0-Erfolg heute gegen die Türkei hätte die österreichische Mannschaft - paradoxerweise - dennoch eine intakte Chance auf das Play-off. Zumal für Constantinis Tross nur noch die vermeidlich leichteren Aufgaben in Zentralasien gegen Aserbaidschan und Kasachstan bevorstünden. Dass der Heimsieg gegen die Kasachen voriges Jahr jedoch erst in der Nachspielzeit fixiert wurde und die Belgier gerade eben aus Aserbaidschan nur einen Punkt entführen konnten, klammern wir einmal aus. Auch die Tatsache, dass das ÖFB-Team im Jahr 2011 erst einen Sieg feiern konnte, und das in einem freundschaftlichen Vergleich. Belgien und die Türkei spielen hingegen noch gegen unsere teutonischen Nachbarn. Und wenn diese ihre blütenweiße Weste nicht eh von Haus aus behalten wollen, dann hätten wir doch wenigstens noch wegen Gijon eine kleine Gefälligkeit offen.

Wie Bernhard Hanisch in seiner Kolumne aber schreibt, denkt zumindest jeder auch ein bisserl an „Nestbeschmutzung“. Denn mit einer heutigen Niederlage sollte die Kündigung des polarisierenden Teamchefs reine Formsache sein. Bei einem Sieg würde das „Dahinwurschteln“ wohl weiter gehen. Dass der Fisch am Kopf zu stinken beginnt, bewies ÖFB-Präsident Windtner in einem Servus-TV-Interview, wonach der Rausschmiss Constantinis nicht in Frage käme, weil der Teamchef immerhin erklärte, dass dies doch keinen Sinn mache.

Während also einem neuen Mann zusätzliche vier Spiele - auf Bewerbsebene - zum „Ausprobieren“ genommen wurden, bringen Medien nicht nur Franco Foda und den arbeitslosen Christoph Daum in die Teamchefdebatte ein, sondern auch den Deutschen Marco Pezzaiuoli, der mit der germanischen Unter-17 vor zwei Jahren EM-Gold holte und letzte Saison die Hoffenheimer TSG betreute. Wegen seines taktischen Konzepts sowie seiner im Allgemeinen überzeugenden Philosophie, welche die aufstrebende deutsche Trainergeneration um Klopp und Tuchel vertritt, wäre Pezzaiuoli im „Preis-Leistungs-Verhältnis“ wahrscheinlich die vernünftigste Variante. Wohl aber sind nicht nur spazierende Journalisten mit Hut einfache Trotteln.

Donnerstag, 11. August 2011

Überbewertetes

Hätte. Wenn. Pech. Typisch österreichische Begriffe, wenn (da haben wir’s schon wieder) es um Fußball geht. Allen voran um die Nationalmannschaft. Immer wieder gibt es zwar Ausreißer nach oben, die Ergebnisse spielen aber leider nur selten mit. Die Heimniederlage gegen die Deutschen das letzte Beispiel. Wem das Pech aber über solch eine lange Strecke hold ist, der muss zu einem gewissen Teil auch selbst dafür verantwortlich sein. Zehn Jahre sind nämlich kein Bämmerl. Und wenn ich mir die Teamchefs der vergangenen Dekade so ins Gedächtnis rufe - ich möchte ja jetzt niemanden etwas unterstellen, aber - dürften sie mit dem aktuellen zumindest eines gemeinsam haben: „Taktik ist überbewertet“. Vielleicht sehen sie es nicht ganz so drastisch, wie es Teamchef Constantini auf den Punkt brachte, zu den Taktikfüchse zählen Krankl und Hickersberger aber auch nicht gerade. Und Brückner, der am ehesten noch als solcher kategorisiert werden könnte, erweckte in seiner Egide mehr den Eindruck eines ausgediegenen Trainers, der den verdienten Ruhestand zumindest mit einem pralleren Börserl antreten möchte.

Das gestern Gebotene war spielerisch ein Schritt in die richtige Richtung, taktische Fortschritte waren aber kaum zu erkennen. Bayerns Alaba und Stuttgarts Harnik mit Abstand die besten auf dem Feld, bei einer insgesamt aber mauen Mannschaftsleistung auch nicht gerade schwierig. Der Spielaufbau wirkte zwar behebig, die Slowaken attackierten aber phasenweise noch in der gegnerischen Hälfte. Insofern vollbrachte die nicht gerade von technischer Eleganz strotzende österreichische Innenverteidigung einen guten Job; dass Dragovic beim 0:1 den entscheidenden Kopfball verlor, war unglücklich, und dass bei selbiger Ecke am langen Pfosten niemand absichert, taktische Vorgabe. Ein Risiko, das bewusst eingegangen wird um im Zentrum Überzahl herzustellen.

Die Berücksichtigung von Kulovits erscheint mir nach wie vor unverständlich. Zwar spielte der Rapidler einen guten Part, technisch limitiert ist er nach wie vor - und wird dies wohl auch bleiben. Und weil Hamsik sowieso mehr auf den Flügel auswich, opferte Constantini von Anpfiff weg einen zusätzlichen Akteur für den Spielaufbau. Baumgartlinger, als zweiter Rückraumspieler, mit eher offensiven Vorgaben bedacht, schaltete sich dementsprechend öfter in das Angriffsspiel mit ein, blieb aber auch zunehmend blass.

Die Flügelzange Alaba-Harnik versprach viel und hielt dies durch zahlreiche Einzelaktionen auch. Ergänzend dazu sollte der Austrianer Junuzovic für zusätzliche Kreativität sorgen. Es kam aber alles anders. Denn Junuzovic wurde von den beiden Deutschlandlegionären durch deren Sturmläufe ins Zentrum buchstäblich der Raum genommen. Insofern blieb wenig Platz für den Edelzangler sich zu entfalten. Besonders Harnik war öfter woanders als auf seinem vorgegebenen rechten Flügel zu finden. Was sich auch wiederum auf den einzigen Stürmer, Janko, negativ auswirkte. In der Schlussphase war gut ersichtlich, dass das Spiel des Angreifers von den hohen Bällen lebt. Weil Harnik und Alaba von den Flügeln aber immer öfter ins Zentrum wechselten und die gestern in der Offensive selten präsenten Außenverteidiger Klein und Fuchs kaum brauchbare Flanken in den Strafraum beförderten, trat der Hollandlegionär nur selten in Erscheinung.

Fast schon praradox, dass ausgerechnet der kleine Hoffer nach einer Flanke das einzige Tor des Abends per Kopf erzielte. Mit Royer links und Hoffer als Außenstürmer rechts kam wesentlich mehr Schwung von den Seiten. Der sowieso im Zentrum agierende Harnik wurde gen Spielende dorthin verfrachtet und Alabas Kreativspiel kam auch aus der Tiefe nicht schlecht zur Geltung, wenn auch nicht ganz so überragend wie zuvor.

Abschließend bleibt noch zu kritisieren, dass der gestrige Gegner mit einem forscheren Pressing noch eher in die Bredoullie hätte gebracht werden können, aber auch mehr Kaltschnäutzigkeit im Abschluss den Erfolg schon im ersten Durchgang gesichert hätte.