Mittwoch, 12. Oktober 2011

Richter Rasen begrünt polnische Fußballstadien

Deutsch Brodersdorf. Wenn kommenden Sommer die Bilder der Fußball-EM in Polen und der Ukraine übertragen werden, wird darauf auch ein Stückchen Deutsch Brodersdorf zu sehen sein. Denn so manche Rasen läche, die bei der EURO 2012 zum Einsatz kommt, stammt von dort bzw. genau genom en aus Parndorf oder einem Vorort von Bratislava, wo die Richter Rasen GmbH mit Sitz in Deutsch Brodersdorf ihre Anbauflächen hat.

So hat das niederösterreichische Unternehmen bereits die ukrainischen EM-Stadien Kiew, Donezk und Lemberg mit seinem Fertig asen ausgestattet. Aufträge aus Polen sollen noch folgen: "Wir verhandeln derzeit und sind recht zuversichtlich, dass man auch in Polen auf unseren Rasen zurückgreift", sagt Alexander Richter, der den 1906 gegründeten Familienbetrieb in vierter Generation führt.

Holländer am Zug. Derzeit freilich sind in Polen die Holländer am Zug. Sie haben etwa für die Spielarena Danzig Rollrasen geliefert. Richter: "Aber bis zum Frühjahr werden die Polen vielleicht draufkommen, dass der holländische Rasen zwar billiger ist, aber nicht dieselbe Qualität hat." Und dann könnten die Fußballfelder sehr rasch mit Richter Rasen, der laut Eigenangaben von der UEFA als Qualitäts monopolist für Fußballrasen eingestuft wurde, begrünt werden. Richter: "Der Rasen ist im Vergleich zum Hochbau ja günstig. Aber wenn der Rasen nicht stimmt, bringt das einen Imageschaden." Durchschnittlich kostet ein Fußballrasen (inklusive Aufbau und Bodenheizung) zwei Millionen €. Erfahrung in Polen hat das Unternehmen, das etwas mehr als 40 Mitarbeiter zählt, schließlich schon. In der Vergangenheit hat es bereits zwölf polnische Fußballstadien mit Fertigrasen bestückt.


Quelle: Wirtschaftsblatt von Montag, 10. Oktober 2011; Seite 9

Freitag, 7. Oktober 2011

Sängerknaben in Kurvenlage #5: Johann Krankl

Noch vor Cordoba veröffentlichte Johann K. seine ersten Scheiben. In dem Interview philosophiert der eventuell noch werdende Wirtschaftssoziologe in Selbstreflexion über die Bedeutung des Geldes und die damit einhergehenden materialistische, wie soziale Statusaufwertung.


Donnerstag, 6. Oktober 2011

Die Bundesliga plant die Energiewende

Nach Jahren des Zögerns investieren deutsche Fußballklubs verstärkt in Umwelttechnik für ihre Sportstätten.

Ingmar Höhmann. Köln. Der Anlagenbauer Imtech hat Platz eins im Blick. Das Hamburger Unternehmen will das Stadion des HSV zur energieeffizientesten Arena der Fußballbundesliga machen. Seit 2010 ist Imtech Namenssponsor der Sportstätte - und hat diese auf Energieeffizienz getrimmt: Eine bessere Rasenheizung, neue Lampen und moderne Gebäudetechnik helfen nun beim Stromsparen. Binnen acht Monaten sank der Energieverbrauch um 35 Prozent. Für den HSV rentiere sich das Projekt nach zwei bis drei Jahren, sagt Rolf-Jürgen Merz, Direktor des Kompetenzzentrums Stadion- und Arenatechnik bei Imtech. „Jeder Stadionbetreiber, der das wirtschaftliche Potenzial beim Energiesparen nicht erkennt, lässt richtig Geld liegen.“

Ein grünes Stadion im hohen Norden - bei den Betreibern von Sportstätten stößt das HSV-Projekt auf Interesse. Diese Woche beginnt Imtech mit der Modernisierung der Mercedes-Benz Arena des VfB Stuttgart, bei weiteren großen Stadien stehen die Verhandlungen vor dem Abschluss.

Solarmodule auf dem Stadiondach. „Das Thema steht bei Vereinen und Kommunen ganz oben auf der Liste“, sagt Joachim Thomas, Vorsitzender der Vereinigung deutscher Stadionbetreiber. Ein Vorzeigeprojekt ist die neue Coface Arena in Mainz: Hier ist etwa Wärmerückgewinnung von Anfang an Teil der Planung, auf dem Stadiondach stehen 11000 Solarmodule. Ein Vorreiter in Sachen Energieeffizienz ist der FC Augsburg, der seine SGL Arena bereits 2007 umbauen ließ.

Dass sich Investitionen in ältere Stadien so rasch amortisieren zeigt auch, dass Energieeffizienz lange keine große Rolle spielte. „Im WM-Jahr 2006 hatte Deutschland zwar die funktionalsten, aber nicht die effizientesten Arenen der Welt“, sagt Natalie Eßig, Leiterin der Arbeitsgruppe Sportstättenbau bei der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB). „Beim Bau standen die Themen Umwelt und Energie nicht im Mittelpunkt. Viel wichtiger war es etwa, die Stadien rechtzeitig fertigzustellen.“

Dabei gab es schon Vorbilder: Die Olympischen Spiele 2000 in Sydney hatten Maßstäbe gesetzt. Solardächer lieferten Strom, Energiesparlampen waren Standard und Wassertanks speicherten Regen. „Wer ein Stadion nachhaltig betreiben will, muss mehr tun als einen Ökostromanbieter wählen", sagt Eßig. "Dazu zählen umweltfreundliche Baumaterialien, wassersparende Armaturen, der Verzicht auf beheizte Außensitze und eine nachhaltige Abfallbewirtschaftung.“

Weil Standards fehlen, lässt sich eine aussagekräftige Ökobilanz von Stadien bislang nicht ermitteln. Die DGNB will Abhilfe schaffen und arbeitet an einem Siegel für nachhaltige Sportstätten. Auch Verbände helfen weiter. Der Landessportbund Hessen berät Klubs und Kommunen beim Betrieb ihrer Sportstätten in Energie- und Umweltfragen. Für die Finanzierung von Umbauten bietet das Land Fördermittel.

Der Versorger Mainova hat auch für die Fans ein Angebot. In der Tiefgarage der Commerzbank-Arena von Zweitligist Eintracht Frankfurt hat er zwei Tankstellen für Elektroautos eingerichtet. Besucher können hier ihre Autobatterie mit Ökostrom aufladen. Für Mainova ist die Aktion auch Werbung für die jüngst verlängerte Partnerschaft mit der Eintracht. Seit Juli versorgt das Unternehmen die Arena mit Strom, Gas und Wasser - nach eigenen Angaben komplett CO2-neutral.



Quelle: Handelsblatt von Donnerstag, 06.Oktober 2011; Seite 52

Mittwoch, 5. Oktober 2011

Sängerknaben in Kurvenlage #4: Ohio University

Der Beitrag wäre eventuell etwas für die Halbzeitunterhaltung bei Red Bull Salzburg. Trotzdem top.

(Team)chefsache

Die Roulette blieb gestern Mittag, eigentlich eh schon vorgestern, stehen. Und die Kugel fiel auf Marcel Koller. Im Casino würde das etwa der Null entsprechen. Niemand rechnet damit, die Wahrscheinlichkeit ist aber genau dieselbe wie bei jeder anderen Zahl, oder eben Trainerkandidaten. Okay, es gab schon Favoriten und Außenseiter auf den Posten, der Schweizer Koller, zählte eher zu zweiteren. Wenn überhaupt. Und irgendwie werde ich den Verdacht nicht los, dass der Boulevard, im Speziellen der kleinformatige, schon jetzt negative Zeilen über den Außenseiter schreibt, nur weil dieser durch den für Österreichische Teamchefs ungewohnten Lebenslauf - Josef Hickersbergers Tausend und eine Nacht mal außen vor gelassen - irritiert ist, ähnlich wie das Grün der Null beim Roulette für Irritation sorgen soll, um bei der selben Metapher zu bleiben. Das Koller diese Null nicht sein wird, bleibt auch mir natürlich nur zu hoffen, dem Anschein nach, so vermittelt die Journaille, startet Koller aber mit einem 0:2-Rückstand.

Dabei wird natürlich einmal mehr dem Herzerl nachgetrauert, der bereits zum dritten Mal übergangen wurde. Wohl mangels Erfahrung. Zu Recht. Auch die populistischste Lösung, einfach den Meistertrainer Franco Foda zu installieren, ging in die Hose. Der hatte wohl keinen Bock seinen Stab nicht selbstständig aussuchen zu dürfen. Auch verständlich. Kurt Jara? Kollers zweijährige Arbeitslosigkeit wird bekrittelt. Über Jaras fünfjähriges Intermezzo hinweggesehen. Paul Gludovatz wäre im österreichischen Pool noch die annehmbarste Wahl gewesen. Als Fan der Öfb-Riege zählt der Burgendländer aber nicht unbedingt. Weitere nationale Kandidaten wären die 96er-Helden von Rapid gewesen: Schöttel, Stöger, Kühbauer. Nicht minder erfahren als Herzog, mangels Lobby aber wohl keine ernst zunehmenden Alternativen. International gesehen, wäre Lars Lagerbäck kein schlechter Griff gewesen. Besonders als Teamchef hätte er massig Erfahrung mitgebracht. Zehn Jahre Schweden, mit Nigeria eine Weltmeisterschaft. Von seiner eigenen Fadesse überzeugt, wäre der Schwede mangels Constantinischem Schmähs aber kein Toller für unseren Boulevard. Christoph Daum als Fachmann sicherlich anerkannt, hatte in den letzten Jahren in Köln, Istanbul und Frankfurt zwar auch nur mäßigen Erfolg, wäre für den österreichischen Fußball aber sicherlich kein Schritt in die falsche Richtung gewesen. Mit Otto Rehagel wäre eventuell der Europameistertitel drin. Im Nachwuchs müsste aber zuerst wieder das Liberospiel gelehrt und Bürschchen unter ein Meter neunzig aussortiert, Wien darf ja nicht Barcelona werden. Marco Pezzaiuolis Namen wurde anfangs wenige Male genannt. Der Konzepttrainer war Windtner und Co. wohl doch zu heiß, weil zu unverbraucht. Und als in Deutschland der Name Matthias Sammer mit dem Öfb in Verbindung gebracht wurde, sorgte dies nur für müde Schmunzler. Die zuletzt spekulierten und üblichen Kandidaten wären dann auch schon genannt. Vielleicht noch Huub Stevens, um den es aber auch schon zu spät war. Loddar Matthäus hätte den Job garantiert gemacht. Manfred Zsak bestimmt. Andi Ogris eventuell. Heli Kraft war bis vor kurzem auch noch frei. Den boulevardschen Vorwürfen zum Trotz müssten dies alles idealere Trainer als Koller sein. Weil Koller ja eben bei Null anfängt. Nett, dass solch eine Besorgnis gezeigt wird, ob der Neo-Teamchef in unserer spielerisch hochwertigen, strukturstarken Fußballlandschaft den Durchblick bis zum Start der WM-Qualifikation in einem Jahr finden wird. Doch schon jetzt wird ihm die Sicht mangels ausreichender Haberie verdeckt.

Österreichs Eurovision lebt!

Trio im Euro-Fieber: Austria, Sturm & Salzburg

GLORY DAY. Die ÖFB-Klubs erobern einen fünften EC-Startplatz und mischen beim Thriller um einen CL-Fixplatz 2014 voll mit.

So ein Tag, so wunderschön wie heute!" durften Österreichs Fußballfans am Donnerstag singen. Es war ein „Glory Day“ für den österreichischen Fußball, der so schnell auch nicht vergehen dürfte. Satte 1,5 Punkte brachten die jüngsten Europa-League-Siege von Sturm, Austria und Salzburg für die 5-Jahres-Wertung.

Zweiter CL-Quali-Platz. Was die SportWoche bereits in der Coverstory in Heft 34 ankündigte, steht nun so gut wie fest. Österreich darf ab 2013 mit einem fünften Verein im Europacup und einem zweiten Klub in der Champions-League-Quali antreten. Denn: Österreich wird diese Saison in der 5-Jahres-Wertung in den Top-15 abschließen. Realistisch gesehen könnte nur Zypern dieses Szenario verhindern. Dafür müsste Apoel Nikosia aber zumindest ins Champions-League-Viertelfinale vorstoßen und die ÖFB-Klubs gleichzeitig praktisch alle übrigen Spiele verlieren.

CL-Fixplatz 2014? Ebenso wenig wahrscheinlich ist allerdings, dass Österreich schon für 2013 einen Fixplatz in der Champions-League erobert. Dafür müssten die rot-weißroten Eurofighter in der 5-Jahres-Wertung in die Top-13 vordringen, die Schweiz weiter hinter sich lassen und Dänemark überholen. Auf die Dänen fehlen uns derzeit 2,850 Zähler. Aufholbar ist dieser Polster heuer nur, wenn Kopenhagen und Odense das Europa-League-Achtelfinale verpassen und gleichzeitig zumindest zwei ÖFB-Klubs die Gruppenphase überstehen. Dafür ist Österreich im Rennen um einen CL-Fixplatz 2014 voll dabei.

Ein Thriller um die Plätze. Die Ausgangsposition könnte spannender nicht sein. Nächstes Jahr fallen in der 5-Jahres-Wertung die Punkte von 2007/08 heraus. Damit schließt Österreich (hat in dieser Saison kaum Punkte zu verteidigen) automatisch auf die schärfsten Rivalen um einen CL-Fixplatz auf. Türkei, Griechenland, Belgien, Dänemark und die Schweiz gilt es heuer und 2012/13 im Europacup abzuhängen bzw. zumindest mit diesen Nationen mitzuhalten. Gefährlich könnte langfristig auch noch Israel werden, die mit Maccabi Haifa, Hapoel Tel Aviv und Maccabi Tel Aviv in der Europa League vertreten sind und (ähnlich wie Österreich) kaum Punkte aus der Saison 2007/08 (2,375) zu verteidigen haben. Im direkten Vergleich mit unseren härtesten Gegnern um einen Top-13-Platz schneiden wir bisher hervorragend ab.

Belgischer Traumstart. Von den CL-Fixplatz-Kandidaten 2014 haben heuer nur die Belgier noch mehr Punkte als Österreich für die 5-Jahres-Wertung erobert. Alle belgischen Europa-League-Starter (Anderlecht, Lüttich und Brügge) führen ihre Europa-League-Gruppe an. Mit dieser Top-Performance hat Belgien seinen CL-Fixplatz für 2013 abgesichert und Österreich vorerst auf Distanz gehalten. Weggebrochen sind hingegen die Dänen, die im Rennen um einen CL-Fixplatz 2014 weitere 1,975 Zähler (durch die herausfallenden Punkte 2007/08) auf Österreich verlieren und netto nur noch einen Punkt vor den ÖFB-Klubs liegen. Die vom Wettskandal gebeutelte Türkei kann nur mit einem Lauf von Trabzonspor in der Champions League einen Absturz im Ranking verhindern. Auch die Griechen kämpfen mit einem Tief.



Quelle: SportWoche von Dienstag, 04. Oktober 2011; Seite 14

Fernsehen ohne Grenzen

Von Hans-Jürgen Jakobs

Immer diese Griechen. Bislang hatte die Regierung in Athen europäische Verwirrung ausgelöst, mit ihren nicht gehaltenen Versprechungen in Sachen Staatshaushalt. Nun macht ein griechischer Pay-TV-Anbieter namens Nova in Europa von sich reden, weil er für kleines Geld die Senderechte an der großen englischen Fußballliga gekauft hat. Die Decoderkarte dieser Firma kann auch in Großbritannien eingesetzt werden, wo der Fußballverband die dort kostbaren Rechte natürlich für wesentlich mehr Geld an das britische Fernsehen verkauft.

Aus diesem Umstand zog Karen Murphy einen Nutzen. Die Dame aus Portsmouth dürfte die derzeit bekannteste Gastwirtin des Landes sein, weil sie recht bekam vor dem Europäischen Gerichtshof und weiter mit Hilfe der billigen griechische Decoderkarte den teuren englischen Fußball ansehen darf - in Großbritannien. Sie spart so fast 4700 Euro im Jahr an Gebühren, die der Londoner Pay-TV-Betrieb BSkyB gerne kassiert hätte. Er hat vom Verband ein Exklusivrecht für Großbritannien bekommen.

Solche nationalen Privilegien gibt es aber in einem Binnenmarkt nicht, der vom freien Verkehr von Waren und Dienstleistungen ausgeht. Es gibt eben nicht nur eine gemeinsame Währung, es gibt auch eine gemeinsame Wettbewerbsphilosophie. Auch Pay-TV-Zuschauer müssen demnach die Chance haben, das billigste Angebot konsumieren zu können. Auswahl ist die Würze der Marktwirtschaft. Das müsste dann im Übrigen auch für die Spielfilme und TV-Programme der großen Hollywood-Studios gelten, die in Europa zu ganz unterschiedlichen Preisen verkauft werden.

Das europaweite Monopolwesen bei Fußball und Fernsehen, einem der hochattraktiven Produkte der Unterhaltungswirtschaft, verstößt erkennbar gegen die Logik des Binnenmarkts. Es stimmt ja: Wenn jeder in der Europäischen Union sich ein Auto oder eine Tablettenschachtel aus dem Ausland besorgen kann, ist es schwer einzusehen, warum dies nicht auch bei Bezahlfernsehprogrammen gelten soll. Europa kann nicht in abgeschottete Einzelmärkte aufgeteilt werden. Die "ganz gefährlichen Zeiten", die jetzt angeblich auf den europäischen Fußball zukommen, wie FC-Bayern-München-Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge vermutet, werden wohl auch nicht anbrechen.

Es bleibt ja dabei, dass auf wichtigen TV-Märkten die Fußball-Verbände zentral für die Klubs die wertvollen Rechte vermarkten und dabei in einem Bieterwettstreit die interessierten Sender hochjagen. In diesem exklusiven Kreis ist es ganz einfach, mit den Folgerungen aus dem Europa-Urteil zum Pay-Fernsehen fertig zu werden: Man muss nur die Bedingungen ein wenig ändern, beispielsweise, indem man hohe Mindestpreise vorschreibt oder gleich paneuropäische Rechte für den Kontinent vergibt. Wenn Frau Murphy in ihrer Kneipe "Red White & Blue" dann also weiter mit der griechischen Firma Nova im Geschäft bleiben würde, müsste die den gleichen Preis wie bei BSkyB zahlen, was natürlich keinen Sinn macht. Da kann sie auch wieder den englischen Anbieter wählen, dem sie einst gekündigt hat.

In Wahrheit ist, wenn das Urteil des Europäischen Gerichtshofs später vom High Court in London bestätigt wird, nur das Auslandsgeschäft eines Fußball-Verbands beeinträchtigt. Denn warum sollten die griechischen Sportbegeisterten so viel Geld für die Premier League ausgeben wollen wie die Fans in England?

In Deutschland geht es um rund 30 Millionen Euro. Das ist die Summe, die von der Deutschen Fußball-Liga (DFL) jährlich für die Klubs im europäischen Ausland erwirtschaftet wird. Sie dürfte kräftig sinken. Das ist wirtschaftlich eine Einbuße, die Fußball-Landschaft würde bei einem DFL-Gesamtumsatz von 400 Millionen Euro aber nicht verändert. Die Auswirkungen sind, Stand heute, nicht zu vergleichen mit jenen des berühmten Bosman-Urteils von 1995: Es legte fest, dass Profifußballer nach Vertragsende ablösefrei zu einem anderen Klub wechseln dürfen, und Restriktionen für ausländische Kicker in den jeweiligen nationalen Ligen verboten sind. Auch hier hatte der Europäische Gerichtshof entschieden, und zwar im Fall des belgischen Fußballers Jean-Marc Bosman.

Für die Fußball-Fernsehbranche gilt jetzt also nicht Murphys Gesetz ("alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen"). Wer sich vom Sieg der Pub-Besitzerin Karen Murphy verspricht, dass künftig die Abonnentenpreise einbrechen, weil es zu einem lebhaften Wettbewerb kommt, der wird enttäuscht werden. Die Preise würden nur sinken, wenn viele Sender um die Rechte vieler Klubs rangelten, also das System der Zentralvermarktung ins Wanken gebracht würde. Das ist aber nicht zu sehen.

Zunächst werden nur die Rechte-Inhaber viel Arbeit bekommen, viele Anwälte werden sich über Extraerlöse freuen dürfen. Das Urteil ist eine Überraschung, eine Revolution löst es nicht aus. Von daher gesehen ist die Aktie des deutschen Pay-TV-Anbieters Sky am Dienstag zu früh abgestraft worden: Sie büßte zwischenzeitlich um bis zu zehn Prozent ein.



Quelle: Süddeutsche Zeitung von Mittwoch, 05. Oktober 2011; Seite 4

Sonntag, 2. Oktober 2011

Fußball im Fernsehen könnte für die Fans billiger werden

Generalanwältin am EuGH hält die Verkaufspraxis der Fernsehrechte für Verstoß gegen die Dienstleistungsfreiheit

theu. LONDON, 30. September. Eine Kneipenwirtin aus dem englischen Portsmouth könnte zum Schrecken des europäischen Profifußballs werden. Karen Murphy wollte in ihrem Pub "Red White and Blue" die Spiele der englischen Premier League zeigen. Aber die streitbare Gastwirtin sah nicht ein, dem britischen Bezahlsender BSkyB für die entsprechende Lizenz rund 10 000 Pfund im Jahr zu überweisen. Deshalb besorgte sich Murphy einen Satelliten-Decoder des griechischen Abonnementsenders Nova, der die Premier League ebenfalls zeigte, aber nur einen Bruchteil der Sky-Gebühren verlangte - und der Ärger begann. Nach jahrelangem Rechtsstreit will am Dienstag der Europäische Gerichtshof in Luxemburg sein Urteil in dem Präzedenzfall verkünden. Es könnte im Milliardengeschäft des europäischen Fußballs ein Erdbeben auslösen.

Wenn Karen Murphy recht bekomme, stünden dem Profifußball "gefährliche Zeiten" bevor, warnt Karl-Heinz Rummenigge, der Vorstandschef des deutschen Rekordmeisters FC Bayern München, und prophezeit ein ruinöses "Preis-Dumping" im Verkauf von Fernsehübertragungsrechten. Der Präsident des europäischen Fußballverbands Uefa, Michel Platini, fürchtet, dass das Urteil "die ganze Fußball-Landschaft verändern" könnte. Die Gastwirtin Murphy interessiert das allerdings wenig: "Wenn ich ein Auto kaufen will, kann ich zu jedem Händler in jedem Land gehen. Wenn ich Fußball sehen will, kann ich nur zum Sky-Händler gehen und muss dort zehnmal mehr zahlen."

Das Urteil des höchsten europäischen Gerichts wird mit Spannung erwartet und die Vorzeichen sind für die Fußballbranche nicht günstig. Die zuständige Generalanwältin Juliane Kokott hat sich im Februar in ihrem Schlussantrag auf die Seite der Gastwirtin gestellt und die Luxemburger Richter folgen in der Mehrheit der Fälle dieser Empfehlung. Aus Sicht der deutschen Juristin Kokott verstößt die Premier League gegen die Dienstleistungsfreiheit in der EU, wenn sie die Pub-Wirtin daran hindern will, die Fußball-Übertragungen vom Anbieter ihrer Wahl zu beziehen. Der Fußballverband versuche damit, den europäischen Binnenmarkt zu unterlaufen. Die Premier League selbst pocht dagegen auf ihren Urheberrechtsschutz: Der griechische Bezahlsender verstoße gegen vertragliche Vereinbarungen, wenn er auch Abonnenten in England bediene.

Für Fußballvereine und Fans geht es um viel Geld. Wenn die Premier League tatsächlich unterliegen sollte, dürften die Abonnementpreise im europäischen Bezahlfernsehen auf breiter Front purzeln. Denn bisher können die Fußball-Ligen durch den Verkauf von exklusiven Übertragungsrechten in den einzelnen Ländern Monopole schaffen. In Zukunft könnten die Richter dagegen einen europaweiten Wettbewerb erzwingen. Bundesliga-Fans können dann möglicherweise Bezahlfernseh-Abonnements nicht nur beim deutschen Sky-Ableger, sondern auch bei ausländischen Anbietern abschließen, die internationale Übertragungen via Satellit oder Internet anbieten. Mehr Konkurrenz aber lässt auf niedrigere Preise hoffen.

Was die Fans freut, ist für die Vereine ein finanzieller Albtraum. "Die Preise für Übertragungsrechte würden massiv unter Druck geraten", heißt es in Branchenkreisen. Damit würde eine der wichtigsten Ertragssäulen des Profifußballs wegbröckeln: In Deutschland machen die Fernseherlöse knapp ein Drittel der Gesamteinnahmen der Clubs aus. In Großbritannien, Frankreich und Italien sogar mehr als die Hälfte.

In der Zentrale der Deutschen Fußball Liga hieß es am Freitag zu dem brisanten Rechtsstreit nur: "kein Kommentar". Auch Sky hält sich kurz vor der Urteilsverkündung bedeckt. "Aus jeder möglichen Veränderung ergeben sich neben Risiken auch Chancen", sagte ein Unternehmenssprecher lediglich. Der Bezahlsender könnte wohl niedrigere Einkaufspreise für die Übertragungsrechte einfordern, wenn deren Exklusivität durch Konkurrenten geschmälert würde.

In der Bundesliga hält man es inzwischen für einen Fehler, dass die Premier League die Kneipenwirtin Murphy vor Gericht gezerrt hat. "Damit haben die möglicherweise ein Eigentor geschossen", sagt ein Beteiligter. Aber damit nicht genug: Auch andere Branchen dürften das Grundsatzurteil aus Luxemburg mit Spannung erwarten. Wenn die EU-Bürger in Zukunft beim Fernseh-Fußball europaweite Wahlfreiheit bekommen sollten, muss das dann nicht zum Beispiel auch für den Online-Vertrieb von Hollywood-Filmen und Musikalben gelten?



Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung von Samstag 01. Oktober 2011; Seite 12